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PETER SCHLÖR

Texte

 

Eröffnungsrede von Dr. Hubertus von Amelunxen zur Einzelausstellung von Peter Schlör,
 
Kunstgalerie der Stadt Gera, Otto Dix Haus/Orangerie, 02.09.1993
 
 
Peter Schlör ist von erstaunlicher Beständigkeit eine Phrase, unbedeutend. Versuchen wir es noch einmal: Das Werk von Peter Schlör ist von
erstaunlicher Beständigkeit. Besser: Werk ist ein gutes Wort, und doch, gerade bei einem eher jungen Photographen, mag es störend wirken,
eine Ganzheit, ein Werk zu meinen, das wir im Rückblick zu betrachten hätten retrospektiv und nicht prospektiv. Das Werk aber Peter Schlörs
ist seit zehn Jahren im Entstehen, dem Ursprung nahe, begriffen und es zieht Betrachterin und Betrachter in das eigene Werden mit hinein: es
hat eine Kontinuität. Retrospektiv heißt, das eine jede Photographie einen unwiderruflichen Endpunkt, eine Katastrophe markiert. Prospektiv aber
ist unser Begehren, den Bildern eine Zukunft abverlangen zu wollen, von ihnen also eine Dehnung des Zeit/Raumes zu erwarten, aus dem verborgenen
Vergangenen hinein in die Zukunft unseres Jetzt, unseres Hier und Jetzt. Photographie ist eine Sache der Übertragung, der Übersetzung, und zwar
nicht nur von einem dreidimensionalen Raum in eine zweidimensionale dünne und verletzbare Fläche, nicht nur von Lichtwerten in Schattenwerte,
nicht nur von einer Vergangenheit in eine vollendete Zukunft, sondern auch Übertragung im Sinne Freuds, im Sinne einer stillen Rede, die das
unbewusst Vergangene auf Dinge unserer Gegenwart überträgt.
Wovon ist die Rede? Welche Rede, welche und wessen Worte? Soll hier einmal mehr eine photographische Arbeit mit Worten umzingelt und
das zugegeben bedrückende Schweigen dieser Bilder in krachende Laute eingemummelt werden? Natürlich, das wird erwartet, dem Verschwiegenen
soll sein Geheimnis genommen sein, es soll veräußert werden in der Rede, in Lauten, die für alle vernehmbar sind. Eingefügt in die Welt des Verstehens,
des Kanons, der Tradition oder der Kunstkritik wird von den Bildern Bekanntes oder aber dezidierte Abkehr von allem Bekannten und Geläufigen erwartet.
Nein, ich möchte ein paar Worte entlang der Bilder sagen, sie nicht unverschämt gelehrt bedecken, sondern respektvoll umsäumen. Worte wie eine
Trauerflor, die dort, wo sie erhellen in den Schatten dieser Photographien fallen.
Übertragungen also Peter Schlörs Photographien sind Arbeiten an der Materie, sie bilden Paradoxien, Gegensätze, denen wir, einmal auf dem Weg
zu ihnen, zu verfallen drohen. Das photographische Werk, das Sie hier hängend sehen, lässt sich als eine Gedächtnisschrift auf das Vergangene
umschreiben. Ein Gedächtnis, das sprachlos ist, nur Stein und Felsen, das Inschriften trägt, ohne dass ihnen je eine Verlautbarung widerfahren wird.
Nur ahnen können wir, von welcher Bewandtnis der mittig in der Mulde gesetzte Stein in dem Bild ,,Ellipsoid“ von 1991 sein könnte. Der Stein, in
einem gleißenden Licht, wirft einen tiefschwarzen, in der Form elliptoiden Schatten. Beide, das Objekt und sein Schatten, bilden den Radius eines
Kreises, in dessen Mitte der Stein, wie in einer Mulde gebettet ist Während links die Spitze der Ellipse die Peripherie des Kreises berührt, sehen
wir rechts vom Stein einen ebenfalls tiefen Schatten, der von der Ebene geworfen wird. Es sind Überlagerungen von hellen und dunklen flächen,
beherrscht von Stein, Kreis und Ellipse. Die Ellipse ist nicht nur eine geometrische Form des Kreises, sie ist auch eine rhetorische Figur der
Auslassung, der Leere, des Unbenannten. Die Ellipse in der Rede ist eine Form des gezielten Verlustes, in der ,,Ellipsoid“ betitelten Photographie
ist sie das in seiner Dunkelheit hohle Schattenbild des Steines. Beim Gang durch die Ausstellung werden wir häufig die Form der Ellipse antreffen,
wie im Rebus verborgen können wir sie in den Konfigurationen von Steinen, Wällen, Spuren, Grenzziehungen, Festungen, Öffnungen oder auch
Grabungen entziffern, in gefrorenen Wasserpfützen oder in tiefen Furchen der Erde. Sie rhythmisiert die Bilder, die Ellipse lässt Schlör helle Horizonte
in dunkle raumlose Tiefe verwandeln. Einigen der Bilder sind Angst und Sehnsucht eingeschrieben, einigen entnehmen wir das zaghafte und letztlich
zurecht verworfene Spielen mit Formen der kompositorischen Vollendung fast allen aber das Verlangen, sich einem Realen nicht etwa durch seine
Ablichtung, sondern durch die Abwendung von ihm anzunähern. Francis Ponge, der Dichter der Dinge, nannte die Steine einmal das Gedächtnis der
Welt, an dem wir uns bis zum Tode stoßen werden, wissend dass ein jeder Stein uns immer im Wachstum unendlich überlegen sein wird. Der Stein
ist die Geschichte, die wir unbewusst zu tragen haben, er vernimmt die Klagen unseres Anrufes und schickt sie uns als Echo zurück.
,,Sous les pavés la plage“ - ,,Unter den Pflastersteinen der Strand“, was vor einem viertel Jahrhundert als kämpferische Parole noch erschüttern konnte,
findet sich heute in Poesiealben wieder. Wo in Schlörs Bildern mal keine Steine zu Festungen sich sammeln, ist es ausgedörrte Erde, die runzelig und
bar jeder Vegetation Aussichten versperrt. ,,Einschnitt“ heißt eine Arbeit von 1989, ein Erdwall wird abgetragen vielleicht wurde hier von Archäologen
behutsam nach Geschichte (Geschichten) gegraben und in ein Grab hat sich ein Schatten gelegt, wie hineingefallen wirkt er, fast symmetrisch losgelöst
von seinem ,Mutterschatten‘ (wenn es denn so etwas überhaupt gibt).Ein Mann geht vom Alter gebückt an einer Häuserwand entlang, die Schalten der
Fensterläden verjüngen sich nach unten hin zu Guillotine-Messern. Der „Venezianer“ von 1986 bietet das Präludium zu den Schattenspielen oder
Schattenoden der späteren Photographien.
Talbot nannte seine Erfindung der Photographie 1835 Skiagraphia - Schattenschrift Raoul Hausmann nannte seine Bilder ein Jahrhundert später
Melanographien, schwarze Schriften, in Anlehnung an die schwarze Galle der Melancholie beide wussten, dass Photographie kein Abbild visuell
erfahrener Wirklichkeit ist, sondern vielmehr das Bild des optisch Unbewussten, wie Benjamin einmal sagte. Schlörs Werk, man könnte es
beinahe einen Zyklus nennen oder mit Alfred Rethel, einen Reigen, wird man in dieser wenn es denn sein soll - stillen Ahnenschaft ansiedeln.
Die Photographien bilden eine Trauerarbeit und sicherlich übertreibe ich von kaum absehbarer Tragweite. Und dies in einer Konsequenz, die
gerade in Deutschland, dem so anders konsequenten Land, in dieser Form selten ist.
 
Dr. Hubertus v. Amelunxen