BÜCHER

ENGLISH


PETER SCHLÖR

Texte

 

Juliane Huber
 
(aus >>Im Schatten des Baumes<<, 6-seitige Dokumentation, erschienen anlässlich der >>Art-Frankfurt<< im April 1999), ISBN 3-933487-01-3
 

„Was die Menschen den Schatten des Leibes nennen, ist nicht der Schatten des Leibes, sondern der Leib der Seele“, so wird der Protagonist in Oscar Wildes Der Fischer und seine Seele  belehrt. Wollte man diese Sentenz auf die Photographie von Peter Schlör übertragen, so könnte man ihn einen Schattenphotographen nennen, der aus dem Leib der Seele heraus die Seele der Dinge zu uns sprechen lassen möchte.

Peter Schlör photographiert mit Vorliebe „im harten Licht der abendlichen Wintersonne“, das sich auszeichnet durch scharfe Helldunkelkontraste und lange Schatten. In seinen Arbeiten werfen Bäume, Baumstämme, der Körper des Künstlers selbst solche Schlagschatten. Der jeweilige Lichteinfall zeichnet bizarre Silhouetten in die im Licht liegenden Bildpartien: Durch ihre Überlängtheit geradezu dämonische Schattenbilder von Bäumen etwa, die ihrerseits gern von beleuchteten Gegenständen (helle Zweige vor dunklem Grund) wirkungsvoll durchbrochen werden.

Des Künstlers Absicht ist weniger, Naturausschnitte sozusagen authentisch festzuhalten, denn Bilder zu komponieren auf der Basis einer eigenen, motivunabhängigen Ästhetik. Die Arbeit Waldpark (1993/98) mag das verdeutlichen. Eine Lichtung, die mehr als zwei Drittel des Hochformats (187,5x125) beansprucht, ist wie durch einen klaffenden Erdspalt in vertikaler Linie von einem Schatten geteilt. Dieser wird von einem hohen astlosen Baumstamm geworfen, in dessen Schatten wiederum der Photograph Position bezogen hat. Am oberen Ende der Lichtung wächst aus dem schwarzen, grabengleichen Baumschatten eine gleißende Spindel empor (man glaubt sogar Aufwicklungen an ihr zu sehen; aber es handelt sich um ein besonntes Stück Baumstamm), und zwar so, dass sich in vollkommener Umkehrung die Zweiteilung der Landschaft hier Hell vor Dunkel fortsetzt. Gerade die lineare Verknüpfung dieser ja nicht (wie ein Gegenstand und sein Schatten) zusammengehörigen Licht- und Schattenpartien verfremdet die Szenerie ins Surreale.

Starke Helldunkelkontraste und symmetrische Komposition werden in ihrer Wirkung gegebenenfalls gesteigert durch Reihung und Spiegelung der Motive. In der vierteiligen Arbeit Rhythmus (1998) korrespondieren jeweils die beiden inneren und äußeren Photographien als gegenseitige Spiegelung (was durch Abzug eines seitenverkehrten Negativs erreicht wird). Diesen Rhythmus im Motiv unterstützt die Einrahmung. Peter Schlör hat für seine kleinerformatigen Arbeiten eine aufwendige Präsentationsform entwickelt. Ein breiter weißer Holzrahmen - oft von größerer Oberfläche als die eingepasste Photographie - soll weitestmögliche Distanz zur Umgebung schaffen. Für Abhebung vom Umraum wird auch in der Tiefendimension gesorgt, indem die Bildtafeln auf Abstand zur Wand montiert sind. Mehrteilige Arbeiten werden nun nicht einzeln gerahmt präsentiert, sondern auf einem einzigen, durch Stege unterteilten Bildträger. Bei Rhythmus kommt neben dem durch Spiegelung rhythmisierten Motiv mit der fensterähnlichen Bildeinfassung deshalb ein zusätzliches Ebenmaß in die Arbeit.

Wie schon die strenge kompositorische Arbeit mit der Kamera führt auch der Objektcharakter der gerahmten Photographien vom inhaltlichen Aspekt der Motive weg. Nach dem photo­graphischen Procedere vor Ort und anschließend in der Dunkelkammer wäre die Auratisierung durch Einrahmung eine letzte Stufe der Verfremdung. Der Photokünstler scheut das erzählerische Moment seines Mediums. Dennoch sind die Landschaften in hohem Maße aussagekräftig - nur eben nicht als Landschaftsportraits, sondern als Äquivalent für das innere Auge des Künstlers.

Die Affinität zu einer bestimmten Landschaftsformation oder einer Baumgruppe fördert aus dem Verborgenen, was da ist und nicht gesehen wird: Eine Motivverschränkung von Mensch und Baum etwa, wenn im Bildhintergrund der (photographierende) Künstler als Silhouette zwischen Baumschatten in die sonnenüberflutete Lichtung hineinragt, während im Halbdunkel des Vordergrunds - bedingt durch Lichteinfall und Tageszeit - seine Beine als Schattentorsi überdimensioniert ins Bild treten (Selbst, 1998). So entsteht nebenbei zugleich eine den tiefschwarzen Mittelgrund überbrückende kompositorische Klammer. Peter Schlör lebt sich gewissermaßen photographierend in die Landschaft ein - und könnte es insofern mit dem Maler Caspar David Friedrich halten, der für den Landschafter postulierte: „Nicht die treue Darstellung von Luft, Wasser, Felsen und Bäumen ist Aufgabe des Bildes, sondern seine Seele, seine Empfindung soll sich darin spiegeln.“

Juliane Huber