- Tiefschwarz. Die Transformation der
Leere, 2007
- Harald Kraemer
-
- Inmitten lunarer Landschaften.
Hügel als gestische Abstraktionen, Wolken als lyrische Gestik. Rhythmen voller
Leere. Die Melancholie De Chiricos. Die Einsamkeit Friedrichs. Die Sehnsucht
Adams'. Die toten Städte Schieles. Die Zeitlosigkeit Coopers. Schwarze
Quadrate, schwarze Strände, schwarze Löcher und immer wieder schwarzer Himmel.
"Tiefschwarz", so lautet der Titel dieses Buches. Doch, wer Peter
Schlör kennt, wird ihn wohl kaum als einen Melancholiker bezeichnen, also als
jemanden, bei dem der Saft der schwarzen Galle vorherrscht. Warum also
"Tiefschwarz"?
- Das tiefste Schwarz hat schwarzer
Samt, noch tieferes Schwarz findet man im Weltall. Die physikalische Definition
für absolutes Schwarz lautet: ein nicht leuchtender Körper, der alles Licht
verschluckt. Das düstere Schwarz ist die Gegenfarbe des lebensoffenen Weiß.
Schwarz ist die Farbe der Trauer und des Todes. Als liturgische Farbe dient
Schwarz am Karfreitag und bei Seelengottesdiensten. Schwarz gilt aber auch als
Farbe der dunklen Geheimnisse, des Tabu, der Magie. Aus der christlichen
Farbsymbolik geht hervor, dass Schwarz die Farbe der irdischen Trauer ist, Grau
die Farbe des Jüngsten Gerichts ist und Weiß als Farbe der Auferstehung gilt. Auf
die theoretische Frage: Ist Schwarz überhaupt eine Farbe? gibt es nur eine
theoretische Antwort: Schwarz ist eine unbunte Farbe. Und nochmals, warum also
"Tiefschwarz"?
- Die starke Wirkung des Schwarz
beruht psychologisch auf dem Erlebnis des Dunkelwerdens, der Nacht, dem
damit verbundenen Verlöschen aller Farben. So kann Schwarz auf uns negativ
wirken, wenn man darin nur die Finsternis und die damit verbundene Gefahr
erkennt oder aber positiv, wenn man die Dunkelheit mit Geheimnis verbindet und
die Töne zwischen den Dingen schätzt. Denn «im Schwarz liegt», wie Derek Jarman
treffend erkannte, «die Möglichkeit zur Hoffnung.»
-
- Schauen wir uns die Werke,
insbesondere die Serien genauer an, so bemerken wir rasch, dass Schlör das
Spiel, diese Welten zwischen Licht und Schatten abzulichten, geradezu
meisterhaft beherrscht. Vor allem um diese nuancenreichen Zwischentöne geht es,
die von uns zumeist lapidar als verschiedene Formen von Grau wahrgenommen
werden. Und noch etwas fällt auf. Woher stammt diese unglaubliche Ruhe und
warum wirken diese schwarz-weissen Stilleben so faszinierend auf uns? Die
Antwort ist einfach. Weil die Landschaften und gewählten Motive keineswegs nur
ein Stück Natur abbilden, sondern häufig Teilstücke der eigenen künstlerischen
Biographie sind. Kiefern bezeichnen den ureigenen Kinderspielplatz, Baumreihen
markieren den täglichen Laufpfad. Landschaft abzubilden, bedeutet auch immer
die eigene Seelenlandschaft sichtbar zu machen. Autobiographische und
topographische Informationen verschmelzen miteinander zu einem Sinnbild,
welches in uns allen widerhallt. Die Landschaft, die wir sehen, ist der Klang
unserer eigenen Vergangenheit. Dies fasziniert uns und kommt uns deshalb so
bekannt vor. Hinzu kommen die kompositorischen Merkmale der dargestellten
Inhalte und hierbei gelten nach wie vor des Altmeisters Henri Cartier-Bresson
Worte, dass die «Einstellung [des
Photographen]
Konzentration, geistige Disziplin und einen Sinn für Geometrie erfordert.»
-
- Neben der Reduktion auf Schwarz und
Weiss ist vor allen Dingen die nach klassischen Kompositionsmerkmalen
aufgebaute Harmonie wesentliches Kriterium der in sich ruhenden Bilder. Diese
Harmonie äussert sich in Achsensymmetrien, Parallelsymmetrien, im Goldenen
Schnitt, in der Art und Weise wie dunkle und helle Formen miteinander
korrespondieren und nicht zuletzt darin, wie die glänzenden, dunklen Bildfelder
der Photographien in den sie umgebenden matten, weissen Rahmen wirken.
- Schlörs Feingefühl für Komposition
zeigt sich in seinen Arbeiten in unterschiedlichen Ausprägungen; in den Häusern
der Reihe "Sinai" von 2001 als eher architektonische Verschachtelungen
von Formen, in der Serie „Versandungen“ von 2004 mit den von Sanddünen gefüllten
Ruinen als merkwürdig stille Gebilde, deren Rhythmus ein gleichzeitiges
Vorhandensein von Ordnung und Chaos widerspiegeln. Dieses Wechselspiel kompositorischer
Formen tritt auch in der einundzwanzig-teiligen Arbeit "NamibRand"
von 2004/2005 als eine spannungsreiche Metamorphose zutage.
-
- Die Anordnung der Photographien in
Form von Serien erlaubt dem Künstler eine behutsame Annäherung an das Motiv.
Einmal gefunden, zeigt das Motiv seine Vielschichtigkeit, indem es immer und
immer wieder abgelichtet wird. Dennoch – wer nur dem ersten Blick traut, der
verpasst das Entscheidende. Denn Nichts ist gleich. Unentwegt ändert sich
alles; dies zwar äusserst behutsam, aber dennoch kontinuierlich. Schlör widmet
sich der Sichtbarmachung des Phänomens der Gleichzeitigkeit in der
Ungleichzeitigkeit. Die siebenteiligen Arbeiten "Kohleberg" von 1998
oder auch "Nefta" von 2004 sind hierfür ausgezeichnete Beispiele, um
das Prinzip dieses Wandels zu verdeutlichen.
-
- Doch die Reihung von Motiven
besitzt so ihre Tücken und hat man erst einmal die Spielregeln, dass innerhalb
einer Serie Bildausschnitt nicht gleich Bildausschnitt ist, begriffen, so
verblüfft der Reichtum an Möglichkeiten, dieses hochsensible Spiel der
Wahrnehmung zu spielen. Relativ leicht zu erkennen, ist der Standortwechsel im
zweiteiligen Werk "Kirschbäume" von 2006. Schon wesentlich komplexer
hingegen der Wandel der zentralen Bildmotive in den Serien "Kohleberg"
und "Stroh", zweiteilig, von 2003. Hierbei gilt der Serie "La
Geria 1-3" von 2003 ein besonderes Augenmerk. Entfernung und
Bildausschnitt verändern sich und bleiben dennoch scheinbar gleich. Schlör
lenkt den Blick des Betrachters auf die Fülle der Möglichkeiten einen – den
einzig wahren(?) – Bildausschnitt zu wählen und hinterfragt diese Wahl
zugleich. Denn gerade in der unermesslichen Auswahlmöglichkeit eines zu
photographierenden Bildausschnittes inmitten der sie umgebenden naturnahen
Wirklichkeit liegt die Herausforderung des künstlerischen Auges des
Photographen. Rudolf Arnheim nannte dies die «beiden Authentizitäten der
photographischen Medien», in denen einerseits die «wirkliche Tatsache»,
andererseits «die Qualitäten menschlicher Erfahrung» ausgedrückt werden.
-
- Worin steckt nun das Geheimnis des
Immergleichen und dennoch Immer-Andersseins der abgebildeten Motive? Wie lenkt
der Photograph unseren Blick und wie manipuliert er uns Betrachter? Bildlich
gesprochen schlüpft Schlör in den Standort seiner Motive, er vertritt sozusagen
das von ihm abgelichtete Sujet. Er bildet nicht einfach nur ab, das Auge seiner
Kamera verschmilzt förmlich mit dem Standort des Motivs. Gesehenes und zu
Sehendes werden Eins. Ganz offensichtlich wird dies, wenn er in seinen
Selbstportraits quasi den Standort seines Schattens einnimmt und den Schatten
stellvertretend portraitiert. Auf all diesen Wanderungen, diesen Wegen, die zum
richtigen Motiv am rechten Ort zur rechten Zeit führen, hat Schlör den eigenen
Schatten als Begleiter schätzen und kennengelernt. Und diese überaus seltene
Form des photographischen Portraits huldigt einem Teil unseres Wesens, das wir
nicht kennen, das uns immer fremd bleibt und uns dennoch näher ist, als der
liebste Mensch. Betrachtet man die Schatten auf diesen Photographien, so fragt
man sich unweigerlich, ob nicht die Schatten Bestandteile ihrer ureigenen Welt
sind? Und wirken wir selbst nicht als farbige Fremdkörper in diesem homogenen
Universum vielschichtigster Weiss-, Grau- und Schwarztöne?
-
- «Man muss sich beeilen, wenn man
noch etwas sehen will. Alles verschwindet.» Es scheint, als ob Peter Schlör
diese Worte Paul Cézannes mit sich trägt und in sich lebt, denn anders sind
seine Dokumentationen des Vergänglichen kaum zu verstehen. Am ehesten ist
Schlör als ein aufmerksamer Chronist der Transformation von Seelenzuständen zu
bezeichnen und es spielt hierbei keine Rolle, ob es die Seelen von
Landschaften, verlassenen Dörfern, Häusern, Sanddünen oder Bergwerken sind oder
ob es gar der eigene Schatten ist. Seine Photographien machen die
fortschreitenden Metastasen unserer Zivilisation sichtbar, und in diesen wohl
komponierten schwarzen-weissen Stilleben kommt neben der Schönheit der
Vergänglichkeit auch immer die Vergänglichkeit des menschlichen Wirkens zum
Ausdruck. So steht Tiefschwarz schliesslich für das Unbewusste, für die
Assoziation von Traum, vom Wandel, vom Sichtbarmachen der unsichtbaren
Ereignisse zwischen den sichtbaren Welten. Dies – Rilke sprach vom «Kunstding»
– ist es, was Schlör abbildet. Und am ehesten noch vermag ein Gedicht nach dem
japanischen Meister Manyôshû das Wesen der Schlörschen «Kunstdinge» sichtbar zu
machen:
- «Das In-der-Welt-sein
- Lässt sich womit vergleichen?
- Als sei im Tiefschwarz
- Ein Licht hinausgerudert
- Das keine Spur zurücklässt.»
|